WARUM SIND SEXISTISCHE SONGTEXTE EIGENTLICH SO UNLUSTIG?

Weil sie sexistisch sind. Was für eine Überraschung! Dabei könnten wir es bewenden lassen, allerdings möchte ich hier noch ein wenig näher darauf eingehen.

Singen über Sex VS Sexistisch singen

Singen über Sex ist definitiv nicht das Gleiche wie die Verbreitung sexistischer Inhalte. Texte, die Sex beschreiben, mögen gefallen, nett, spannend, aufregend, abregend, befremdlich und noch vieles mehr sein. Das alles muss aber rein gar nichts mit Sexismus zu tun haben! Da es sehr schnell dahin geht, eine antisexistische Haltung als „Anti-Sex“ zu brandmarken, um so die Verfechter_Innen einer antisexistischen Haltung als prüde, verbitterte Menschen darzustellen, die Spaß schon mal gar nicht wollen oder auch nur verstehen und anderen Menschen auch nicht gönnen, ist es wichtig, diese Distinktion vorzunehmen.

Antisexismus ist nicht Anti-Sex. Denkt man länger darüber nach, ist Antisexismus an sich eher Pro-Sex als irgendeine klischeebeladene Haltung. Antisexismus ist darauf ausgerichtet, Gleichberechtigung, Achtung und respektvollen Umgang voranzubringen. Sexismus teilt immer auf: In die, die sagen, wo’s langzugehen hat, und jene, die als Objekte nur folgen dürfen. Eine solche Haltung macht es vermutlich beim Sex auch eher schwieriger, und die Anbahnung sexueller Begegnungen durchaus auch: Wer sich gegen Respektlosigkeit, Herabwürdigung, Objektivierung und Demütigung wehren muss oder sie beim Gegenüber vermutet, wird wohl eher nicht mit dir schlafen.

Das mal für den Hinterkopf.

Woran erkenne ich sexistische Songtexte?

Sexismus ist Ausgrenzung aufgrund biologistischer Denkweisen: Was ich nicht bin, ist weniger wert. Damit stellt es sich auf eine Stufe mit Rassismus.

In sexistischen Texten wirkt Sprache als Gewaltakt durch die Verdinglichung von Frauen, die Abwertung Homosexueller, die Abwertung anderer Männlichkeitsentwürfe („Douchebags“, in etwa zu übersetzen mit „Warmduscher“, „Weichei“ oder, war ja auch mal beliebt, „Turnbeutelvergesser“), die Liste lässt sich fortsetzen. Wer solche Ausdrucksweisen verwendet, tut dies nicht ohne Grund: Sie dienen der Abgrenzung zwischen den Benannten und dem Benennenden. Wer andere Weichei schimpft, ist wohl selber keines, versieht sich also mit den gegensätzlichen Attributen, ist also hart, auf bestimmte Art und Weise beispielsweise männlich und überhaupt „Herr“ der Lage. Es geht also um die Feststellung einer Überlegenheit.

Sexismus entspricht Angepasstheit. In Wirklichkeit lockt man damit keinen Hund hinter dem Ofen hervor. Letztlich handelt es sich nur um die  sprachlich andere Ausdrucksweise reaktionärer Haltungen.

Sexismus spaltet! Sexismus teilt die Menschheit in mindestens zwei verschiedene Lager, die vermeintlich, aufgrund biologistisch-deterministischer Faktoren,  niemals einen Dialog auf Augenhöhe führen können; ein gemeinsames Gestalten des menschlichen Zusammenlebens unter den Bedingungen des gegenseitigen Verstehens und des Respektes bleibt verwehrt.

Wenn in einem Text also eine Unterscheidung vorgenommen wird zwischen sich und anderen aufgrund von Gender, Geschlecht oder sexueller Orientierung und diese Unterscheidung klar macht, dass diejenigen, welche die Texte vortragen, über die entsprechende Deutungshoheit verfügen und die „Anderen“ ausgegrenzt und/ oder abgewertet und/ oder objektiviert und/ oder der Lächerlichkeit preisgegeben werden, handelt es sich um sexistische Texte. Ebenso verhält es sich, wenn essentialistische Unterscheidungen vorgenommen werden („Frauen/ Männer/ Schwule usw. sind halt so!“) und daraus wiederum Wertung abgeleitet wird, welche unterschiedlich hohen Status zuweist („Alle Frauen können nicht rechnen!“ beispielsweise, nur um das zu verdeutlichen. Das ist, zugegebenermaßen, kein häufiges Sujet beispielsweise in sexistischem Gangstarap, aber schon das Muster).

 

 

Sind die nicht alle ironisch gemeint?

Da es offenbar, wie geschrieben, einfach ist, sich eine Deutungshoheit zu verschaffen, indem man die Opposition gegen bestimmte Haltungen als Spaßverderber verunglimpft, scheint das doch eine wirksame Strategie zu sein: „Hey, ist doch alles nicht so gemeint, voll übertrieben und so, ist doch total zum Lachen! Und hey, letztens haben auf unserem Konzert auch zwei Lesben, eine Transe, drei Schwule und ein Schwarzer sich beömmelt! Echt wahr! Und die Leute, die unsere Texte doof finden, die sind halt verbittert und verstehen nix.“ Will sagen, die haben auch keine Ahnung, wie man amtlich Spaß hat.

Ach so!

Spaß ist ein hohes Gut in unserer Gesellschaft, die Verhinderung desselben, aus welchen Gründen auch immer, wird geächtet. Allerdings gibt es eine Linie, an der der Spaß keiner mehr ist: Wenn die Freiheit und Selbstbestimmung anderer durch den Spaß eingeschränkt werden. Wird eine Person oder Personengruppe marginalisiert, auf einzelne Attribute beschränkt, in ein ungleiches Verhältnis zu anderen gesetzt, hört der Spaß eben auf.

 

Wo sind die Grenzen des Spielerischen? Ist Ironie tatsächlich erkennbar? Ein Verstehen von Ironie setzt voraus, dass willentlich eine Distanz zum Gesagten hergestellt wird, sowohl vom Sender als auch vom Empfänger. Diese Distanz setzt wiederum Wissen voraus. Ironie wirkt entweder entlarvend, das heißt, sie stellt eine als nicht hinnehmbar empfundene Haltung als abzulehnend dar, oder sie wirkt letztlich über einen Umweg affirmativ: Eine Haltung, die, womöglich aus politischer Korrektheit, abzulehnen ist, wird überhöht oder entsprechende Äußerungen werden als ironisch gekennzeichnet, um sie dennoch machen zu können. Dahinter steckt dann allerdings keine Ablehnung, sondern die Möglichkeit, eine an sich abzulehnende Botschaft dennoch transportieren zu können: Ironie eröffnet, da sie Distanz suggeriert, stets die Möglichkeit des gesteuerten Tabubruches, für den man nicht belangt werden kann, da man ja an sich Distanz zum Gesagten hält. Dadurch fällt der Text aber in seiner Lesbarkeit ins Ungenaue: Wird gemeint, was gesagt wird? Dazu kommt der Thrill des Tabubruches. Man stattet sich mit dem Nimbus des harten Hundes aus, weil man ja Grenzen überschreitet. Andererseits überschreitet man sie nicht tatsächlich, im Akt der Überschreitung lässt man die Lesart zu, das alles sei ironisch gemeint. Der harte Hund zeigt also Angst vor der eigenen Courage. Dementsprechend könnte man dafür plädieren, sich von einer solchen Haltung nicht zu sehr irritieren zu lassen, weil sie sich selbst, womöglich eher unfreiwillig, konterkariert und ad absurdum führt. Allerdings ist diese Möglichkeit der Rezeption über vier Ebenen (Wörtlich Gesagtes / Ironiestatement / Ambivalenz des Ironiestatements / eigenes, das Gesagte zurücknehmende Verhalten, indem man Ironie behauptet) ja außerhalb der Kulturwissenschaften kaum noch zu leisten. Wer hat darauf schon Bock im Moshpit?

Freilich kann es sein, dass diese Sprache, diese Ästhetik und diese Haltungen eingenommen werden, weil man sich vom Anderen (dem weiblichen Geschlecht, Homosexuellen, anders lebenden Männern, anders lebenden Frauen usw.) herausgefordert und vielleicht sogar abgehängt fühlt.

Auch eine so genannte „Ironie“ oder schwarzer Humor brauchen

  • Anhaltspunkte, die bekannt sind, und bei denen bekannt ist, was an ihnen kritisiert wird,
  • einen klaren Hinweis auf die Distanz zum Gesagten/ zum eigenen Tun,
  • einen Hinweis darauf, dass es zu dem, was man kritisiert, auch eine Alternative gibt, sowie
  • eine Haltung, die sich vom Wortlaut des Ironischen deutlich absetzt.

Oftmals sind diese Punkte gar nicht, nur mühsam oder unter nachbetrachtender Interpretation herauszufiltern, wenn sie nicht ohnehin erst in erklärenden Interviews im Nachhinein behauptet werden (weil sie nämlich in den Texten nirgends zu finden waren, man sich aber so schön hinter „Ironie“ verstecken kann.).

 

Neben der Ironie selbst gibt es auch gerne den Verweis auf die Freiheit der Meinungsäußerung zur Rechtfertigung von Sexismus. Dabei sollte die Freiheit der Meinungsäußerung sorgfältig gegen die Einschränkung der Freiheit anderer durch Sprache abgewogen werden, denn Meinung ist etwas anderes als Herabwürdigung.

 

Zudem geht mit dem Verweis auf die Ironie häufig die Anmerkung einher, dass Übertreibung, krasse Sprache und überhöhte Zeichen zu einigen musikalischen Subkulturen gehören und dementsprechend auch ihre Interpretation in einen Kontext gesetzt werden muss. Sicherlich werden Sprache und Zeichen als Codes einer Subkultur oder eines Genres appropriiert, um dazuzugehören, und diese Codes sollen möglicherweise mehr auf die Zugehörigkeit zum Genre verweisen als auf das Gesagte. Wer aber alle Frauen als Huren bezeichnet und Schwule als weibische Arschficker bezeichnet, muss sich aber auch der Tatsache stellen, dass man „Huren“ und „weibische Arschficker“ sowie eine herabwürdigende Haltung hört. Gerade dann, wenn man sich auf die Komplexität von Zeichensystemen in popkulturellen Subkulturen beruft.

Ein Medium wie populäre Musik, das von Jugendlichen und Erwachsenen gleichermaßen stark konsumiert wird und uns inzwischen überall hin begleitet, wirkt in seinen Aussagen, Bildern und Haltungen, verbal und nonverbal, normativ. Normativität als Ordnungsprinzip ist ausgrenzend: Wer sagt, meine Art und Weise diktiert die Bedingungen unseres Zusammenlebens, der oder die schließt Anderes a priori aus. Es wird eine Norm etabliert, der sich andere unterzuordnen haben, andernfalls werden sie ausgegrenzt und sind verbaler, psychischer und physischer Gewalt ausgesetzt, sanktioniert durch eine Weltanschauung. Wem keine Macht zugestanden wird, der oder die verfügt auch nicht über Gestaltungspotential und wird sich das auch nicht holen können. Wer über kein Gestaltungspotential verfügt, taucht kulturell und gesellschaftlich nicht auf. Wer kulturell und gesellschaftlich nicht auftaucht, nimmt nicht aktiv am demokratischen Diskurs teil.

Selbst da, wo Ironie und Kritik angebracht sind, ist es nicht sinnvoll, sie sexistisch vorzutragen, da jegliche Kritik, die dem Gegenüber suggeriert, weniger wert zu sein als die kritisierende Person, allerhöchstens verletzt, aber niemanden dazu anregt, sich mit der geübten Kritik konstruktiv auseinanderzusetzen. Sexismus lehnt überdies einen Dialog auf Augenhöhe aus unterschiedlichsten Gründen ab, ist also nicht in der Lage, wirklich verändernde, konstruktive Kritik zu formulieren, anzunehmen oder überhaupt zu wollen.

Noch eines: Tut man die Problematik als „Emanzenkram“ ab, schafft man über kurz oder lang ein Reservat für diejenigen Jungen und junge Männer, die ein Problem damit haben, Mädchen und Frauen überhaupt gleichwertig zu begegnen.

 

 

Warum sind sexistische Songtexte denn jetzt so unlustig?

Weil sie sexistisch sind und damit per se schon mal ziemlich doof und „Sexismus“ einfach insgesamt schon mal ziemlich, ziemlich unlustig ist. Siehe oben.

Detaillierter lässt sich sagen: Es ist nicht lustig, wenn man sich aufgrund vermeintlicher Differenzen gegenüber anderen Menschen größer machen und diese Anderen kleiner machen und kleiner halten will. Eine solche Verhaltensweise nimmt eine Unterscheidung in Menschen vor, die mehr oder weniger wert sind, und dann macht man sich noch über diejenigen lustig, die angeblich weniger wert sind, und objektiviert sie.

Wer außerdem im Sprechakt Frauen als Huren kennenlernt, ohne den sozialen Kontext zu kennen – Gleiches gilt für Schwule, Lesben, Transgender, alle, die irgendwie aus der „Norm“ fallen -, der oder die wird die Verachtung im Sprechakt durchaus mitbekommen. Aber die Person wird lernen, dass Herablassung für ein Geschlecht, eine Orientierung, eine Haltung oder Lebensweise in Ordnung ist.

Sexistische Haltungen und Texte sind unlustig, weil sie Vorurteile bedienen und einen oftmals ziemlich widerlichen, vermuteten kleinsten gemeinsamen Nenner – den sie allerdings wohl eher erst in dem Moment herstellen.

Sexistische Haltungen und Texte sind unlustig, weil sie ausgrenzen.

 

Zum Schluss noch eine Bemerkung: Nicht selten fällt die Bemerkung, wenn man auf so viele Dinge achten müsse im Umgang zwischen Mann und Frau, Frau und Mann, Hetero und Homo, verschiedenen Identitäten etc., dann sei das doch komplett unentspannt. Im Grunde aber ist es doch viel klarer und geradliniger, statt mit Vorurteilen zu hantieren, auf andere erst einmal als Menschen zuzugehen und sie so wahrzunehmen, wie sie sind! Das ist erst einmal eine Übung. Aber am Ende entspannter. Für alle.

 

 

 

 

 

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