DU HAST DIE WAHL. HAST DU DIE WAHL?

Im Jahr 2013 hat jede und jeder die Wahl, was er oder sie sein möchte. Alles geht. Nichts muss. Toleranz ist das Gebot der Stunde; wer nicht tolerant ist, wird sanktioniert. Die Schwierigkeit liegt am ehesten noch darin, aus den vielen Angeboten das Richtige für sich auszusuchen. Ist das so?

Identität ist eine Frage der Möglichkeiten: Die Anzahl und Art der Möglichkeiten, unser Sein zu formen und nach innen und außen auszuleben, definiert den Grad unser Freiheit. Allerdings bedeutet die mediale Präsenz verschiedener so genannter Lebensentwürfe, dass zunächst der Eindruck entsteht, als präsentierte man ein recht breites Spektrum an Möglichkeiten. Letztlich jedoch bleibt das Spektrum an Differenz begrenzt, die Versionen präsentierter Identität bedienen sich eines eingeschränkten Konsens’.
Von den Klischees, Übertreibungen und Auslassungen, die mit medialer Repräsentation einhergehen, wollen wir dabei noch gar nicht reden.

Die möglichen Rollenangebote, die man annehmen kann, sind begrenzt, sowohl für Männer als auch für Frauen. Identität, insonders geschlechtliche Identität, formt sich allerdings aus diesem Angebot. Ist eine Person auf der Suche nach Identität für sich selbst, ist sie, mit großer Wahrscheinlichkeit, gerade eben nicht sicher, wer oder was sie ist, und wird existierende Rollenangebote zumindest prüfen. Wenn diese vordergründig vielfältig sind und dann auch noch Akzeptanz mit Individualität und vielleicht einem Schuss Rebellion verbinden, umso einfacher wird es, das vorgefundene anzunehmen. Eine Person, die auf der Suche nach etwas so Grundlegendem wie ihrer Identität ist, wird kaum alle Angebote verwerfen und sich auf die lange, mühselige Suche nach ganz eigenen Entwürfen machen. Daher ist die Beschränktheit der Angebote beklagenswert.

Die Künste aber gelten seit Langem als Hort einer identitären Avant-Garde. Insbesondere die populäre Musik, weithin hör- und sichtbar, medial repräsentiert, distribuiert und reproduziert, steht im Ruf, ein Hort der Freiheit zu sein und nicht nur zu dulden, was aus dem Rahmen fällt, sondern im Rahmen des Ausprobierens verschiedener Rollen sogar ein Paradigma zu sehen und ein Ausprobieren geradezu zu fordern und zu wollen.

Die populäre Musik hat es ihren Performer_innen und Fans sicherlich immer leichter gemacht als andere Bereiche, aus den eng gefassten Bereichen dessen, was für die Geschlechter selbst und untereinander möglich wahr, auszubrechen, Neues zu probieren, zu verwerfen, weiterzuziehen und zu dem zu stehen, was man für sich für richtig gehalten hat. Eine unumschränkte Freiheit hat sie dennoch nicht erkämpfen können (warum, darum wird es in diesem Blog auch gehen).

So lange wir noch gesondert bemerken müssen, dass eine Band gemischtgeschlechtlich besetzt ist, ein Performer schwul, eine Bassistin lesbisch und eine Frontperson transgender, so lange behaupten wir durch die gesonderte, herausgehobene Analyse dieser Umstände auch ihren scheinbaren Exotenstatus. Ein Exotenstatus aber, mögen ihn auch manche als Prädikat ansehen, belegt einen Ausnahmezustand, die Abweichung von der Regel, womit wir alle wieder eine Regel begründen, und zwar die einer heteronormativen, recht eng gefassten Sicht auf Männer und Frauen und deren akzeptierte, in diesem Fall also fraglos hingenommene Rollen.

Wir werden in diesem Blog die verschiedenen Bilder von Geschlechtern innerhalb der populären Musik betrachten, analysieren und kommentieren (und uns bestimmt auch das eine oder andere Mal darüber lustig machen). Dabei werden uns Möglichkeiten, Unmöglichkeiten, unbeschrittene Wege, Fort- und Rückschritte sowie wegweisende Ideen auffallen. Darüber wollen wir gerne mit allen Leser_Innen diskutieren!

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