ETWAS GRUNDSÄTZLICHES

Ich denke, es ist an der Zeit, etwas klarzustellen, das an sich keiner Klarstellung bedürfen sollte. Dass ich dennoch einige klärende Worte dazu schreibe, ist entweder vorauseilendem Gehorsam, geahnten Unklarheiten oder auch dem Bedürfnis geschuldet, diese Klärung dazu zu nutzen, Grundsätzliches darzustellen.

Der Musik ist es egal, ob die Person, die sie spielt, männlich, weiblich, cismännlich, cisweiblich, heterosexuell, homosexuell, transident oder mit welcher Identität auch sonst ausgestattet ist.
Was bei uns ankommt und wir mit einer bestimmten Konnotation von geschlechtlicher oder sonstiger Identität verbinden („Harte-Männer-Rock“, „Mädchenmusik“, „Gay Disco“, bei Bedarf bitte die Lister ergänzen), ist immer Hören im kulturellen, sozialen Kontext. Wir assoziieren Bilder von langhaarigen, moshenden Männern mit bestimmten Bands, obwohl es Frauen (und kurzhaarigen Männern) auch möglich ist, diese Musik zu spielen, was sie im Übrigen auch tun. Wir assoziieren Bilder tanzender, vermeintlich schwuler Männer mit einer bestimmten Sorte von Disco-Musik.
Dies alles sind Bilder, die sich uns nicht durch das Hören der Musik selbst eingebrannt haben, sondern durch begleitende Berichterstattung, Videos oder sonstige, multimediale Inszenierungen der Musik; Inszenierungen, die über die Musik und den Klang hinausgingen. Manchmal betrifft es die Zuordnung einer bestimmten Szene zu einem bestimmten Klang respektive einer Musikrichtung, die uns bestimmte Bilder und Lebensentwürfe sehen lässt (Mods, Rocker_Innen, Rockabillys, Metaller_Innen, Punks…). Manchmal sind es die Exponent_Innen einer Musikrichtung selbst und deren Lebensstile, die das bewirken. Das Gleiche gilt natürlich auch für Einzelinterpret_Innen. Es gibt Menschen, die für bestimmte Szenen und ihre Kulturen schreiben und Referenzen einbauen, aber dabei handelt es sich um textliche, also letztlich sprachliche Bezüge. Keine Szene hat einen alleinigen, identitätsstiftenden Anspruch auf eine Akkordfolge, Töne oder Rhythmen, die über den Stil hinaus allein durch ihr Erklingen etwas über die Identitäten ihrer Macher_Innen und Hörer_Innen auszusagen in der Lage wären.

Wir sollten daher alle im Hinterkopf behalten, dass die Bilder, die wir haben, eben keine rein musikalischen Produkte sind.

Dass diese Bilder auch immer wieder herausgefordert werden, ist ein Verdienst der Popkultur und Zeugnis ihres Potentials, tatsächlich subversiv zu wirken und Stereotypien aufzubrechen. Dass wir solche Fälle immer noch als herausragend, vielleicht untypisch und auf jeden Fall als besonders individuell und solitär kennzeichnen, ist Zeugnis des Zukurzkommens der Popkultur an ihrem eigenen Anspruch: So revolutionär und avantgarde, so subversiv, progressiv und anders kann sie in ihrer Gesamtheit nicht sein, wenn uns das Aufbrechen gesamtgesellschaftlicher, geschlechtlich-identitärer Stereotypien immer noch auffällt. Anders gesagt: Wäre die Popkultur, gerade die Popmusik, so weit vorne, wie sie sich gerne gibt, dann wimmelte es nur so vor Menschen mit „anderen“ Identitäten. Dann aber müsste man sie nicht ständig, wie positiv auch immer, hervorheben, denn sie wären ubiquitär und würden eine ganz eigene Normalität begründen. Dem ist aber leider nicht so.

Worüber reden wir also, wenn wir über Gender in der populären Musik? Wir reden über die Inszenierungen. Wir reden über die Verbindungen von Musik und Szenen, Identitäten, geschichtlichen und sozialen Zusammenhängen. Wir reden über Texte, und natürlich über Musiker_Innen. Wir reden darüber, wo Popmusik emanzipatorisch wirken kann und wo sie hemmt, wo sie Neues ausprobiert und wo sie reaktionär ist. Wir reden über die Verbindung von Stil, Gender und Musik. Wir reden darüber, warum manche Menschen glauben, dass die E-Gitarre ein männliches Instrument ist. Wir reden über Hegemonien, Deutungshoheiten und Diskriminierung, Möglichkeiten, Wege und Fortschritte im Zusammenhang zwischen Gender und populärer Musik.
Es gibt so viele Punkte, an denen Gender für die populäre Musik Relevanz generiert und umgekehrt, dass es fast einfacher ist, wenn wir festlegen, worüber wir nicht reden: Wir reden nicht über die Beschaffenheit eines A-Dur-Akkordes in offener Lage auf der Gitarre. Dem Akkord und der Gitarre ist es nämlich egal, welches Gender sie erklingen lässt. Siehe oben.

2 Responses

  1. ETWAS GRUNDSÄTZLICHES September 16, 2013 at 10:35 am |

    […] ETWAS GRUNDSÄTZLICHES […]

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