Abstracts

Prof. Dr. Johannes Ismaiel-Wendt:

Zu Fragen der Heterogenität in der deutschen akademischen und wissenschaftlichen Musikausbildung

Stell Dir vor, jedes Kind hat ein Instrument. Stell Dir vor, Gender oder Herkunft spielen keine Rolle für die Instrumentenwahl. Pop oder Klassik ‑ stell Dir vor, es gibt keine unterschiedliche Wertung mehr… .

Wird es so sein, dass die Musikakademien und Universitäten, in denen Musikwissenschaft gelehrt wird, die letzten sein werden, die das bemerken? Prof. Dr. Johannes Ismaiel-Wendt wirft einen kritischen Blick auf die Stellen, die sich als zentrale musikalische Multiplikationsräume verstehen.

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Dr. Monika Schoop:

Musikinstrumente & Gender aus Perspektive der Musikforschung

Ein Blick auf instrumentale Spielpraxis zeigt, dass die Wahl von Musikinstrumenten auch heute alles andere als „geschlechtsneutral“ ist. Während Gitarre und Schlagzeug nach wie vor als adäquate Instrumente für Jungen und Männer gesehen und deutlich seltener von Mädchen und Frauen gespielt werden, erscheinen Keyboard und Blockflöte mit Vorstellungen hegemonialer Männlichkeit oft unvereinbar. Musikinstrumente werden mit gesellschaftlich wirksamen Bedeutungen aufgeladen, die ganz klar auch geschlechtliche Konnotationen umfassen. Gemäß der Annahme von Candace West und Don H. Zimmerman (1987), dass Geschlecht keine essentialistische Kategorie ist, sondern immer und überall durch Interaktionen hergestellt wird, wird auch in der Interaktion von Menschen mit Musikinstrumenten Doing Gender betrieben. Es entsteht ein komplexes Wechselspiel: Geschlechtliche Konnotationen wirken sich auf die Instrumentenwahl und Spielpraxis aus und diese beeinflusst wiederum das gegenderte Bild eines Musikinstrumentes.

Ziel dieses Vortrages ist es, einen ersten Überblick über die Forschung zum Thema Musikinstrumente und Gender zu geben, ein Thema, das in der Musikwissenschaft und der Musikpädagogik bereits seit den späten 1970er Jahren Beachtung findet. Dabei sollen verschiedene Akteur_innen, Kontexte und Faktoren aufgespürt und beleuchtet werden, die zur geschlechtlichen Konnotation von Instrumenten und Spielpraxis führen. Hierunter fallen insbesondere Medien, Musikerziehung und -unterricht, sowie das familiäre Umfeld und der Freundeskreis. Auch Probleme der geschlechtlichen Segregation musikalischer Praxis sollen berücksichtigt werden. So kann diese Wahlmöglichkeiten und sogar Karriereoptionen einschränken. Letztlich soll auch der Frage nachgegangen werden, ob die Studien Hinweise auf wirksame Interventionsstrategien geben.

Der Vortrag lädt zu einem gemeinsamen Erfahrungsaustausch und zur Reflexion über Lösungsstrategien ein.

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Prof. Dr. Marcus S. Kleiner:

Pop ist Männersache. Und bleibt es?

Pop ist Männersache, auch 2015 noch. Eine Subversion ist nicht in Sicht. Kein Wunder, ein System, das sich seit Mitte der 1950er Jahre so erfolgreich bewährt hat und seit die erste Spielart der modernen Popmusik, Rock’n’Roll, von weißen, amerikanischen Mittelstandsmännern etabliert wurde, gilt: Männer machen Pop, Frauen repräsentieren Pop. Daran hat auch die Soul-/Funk-Offensive der 1960er und 1970er nichts geändert, kein Punk der 1970er ff., kein Metal der 1970er ff., kein Dark Wave vom Ende der 1970er ff. an, kein Industrial der 1980er ff., kein Hardcore der 1980er ff. Keine Spielart der Popmusik und kein Popmusikbusinesskontext bzw. keine D.I.Y.-Selbstökonomie seit den 1950ern.

Warum haben zahlreiche der Ideen des Feminismus und Postfeminismus bzw. das eindrucksvoll-intellektuelle Kapital zahlreicher Gender-Diskurse, das Popbusiness nie substantiell erreicht und verändert? In so vielen anderen sozialen, kulturellen und individuellen Lebenswirklichkeiten war der Weg vom Diskurs zum Leben möglich und ist es immer noch.

In der Popmusik und im Popbusiness bleiben Feminismus, Postfeminismus und Gender fast ausschließlich Text, Forderung, Mahnung, Zeigefingerpolitik der Pseudo-Kritischen und mental Haltungsschwangeren, letztlich Rhetorik und Geschwafel, gute Gefühleproduktion für die, die nichts verändern wollen, und auch nur tanzen, wenn es zuerst andere tun, nur denken, was schon andere gedacht haben und sich auf das intellektuell-kritisch-haltungsvolle mood management fokussieren. Gefühlt riskant, genial dagegen: „Aber Hier Leben, Nein Danke!“ (Tocotronic)

Der Vortrag diskutiert diesen Zusammenhang von Gender Trouble und patriarchalen Popsysteme beispielsorientiert. Es wird dabei um Frauen sowie Männer in der Popmusik (Tradition) und ihre Funktion in der westlichen Popmusikindustrie (Institution) gehen.

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