Mädchen in der populären Musik

Seit einigen Jahren betreut und fördert das Mädchenzentrum Gelsenkirchen bereits Mädchen in ihrer musikalischen Laufbahn. Die erste Gelsenkirchener Mädchenband ist mittlerweile überregional erfolgreich und hat sich selbstständig gemacht. Eine zweite Band hat sich vor einigen Monaten frisch gegründet. Die Arbeit mit den Bands des Mädchenzentrums warf relativ früh Fragen auf, die es in den nächsten Jahren zu klären gilt. Ein erster Fachtag „Mädchen und Frauen in der populären Musik – (k)ein Gender Thema?“ diente im November 2011 als Einstieg in das Thema. Die Veranstaltung versammelte Fachfrauen aus dem gesamten Bundesgebiet. Zentrale Themen und Feststellungen des Fachtages und der weiteren Arbeit des Mädchenzentrums im Bereich der Musik waren/ sind:
• Popmusik ist ein großer Bestandteil der Alltagskultur. Warum wird sie dann von Mädchen und Frauen in geringerem Umfang mitgestaltet, als von Jungen und Männern?
• Was ist aus den vergangenen Bewegungen geworden? Sind sie gescheitert, arriviert, von der Kulturindustrie vereinnahmt worden?
• Was passiert mit den Mädchen, die man an Musikschulen in Bands antrifft? Warum gibt es so viel mehr Jungen- und Männerbands als Mädchen- und Frauenbands?
• Sind bestimmte Instrumente, Musikstile und performative Ausdrucksweisen als besonders unfeminin oder nicht annehmbar konnotiert; können diese deshalb nicht als Option auf eigenen Ausdruck wahrgenommen werden?
• Vorbilder/ Role-Models für Frauen sind: Sängerinnen, Singer/ Songwriterinnen, vereinzelt Instrumentalistinnen (Saxophon, Flöten, Geige, Cello, Piano, eventuell noch Bass). Unter welchen Rahmbedingungen werden Mädchen z.B. viel eher Sängerinnen als Schlagzeugerinnen?
• „Klingt ja gar nicht schlecht für Mädchen!“ – „Für Mädchen spielen die ja ganz gut!“ Was machen solche Aussagen mit Mädchen und jungen Frauen?
Den Gedanken, dass die niedrige Anzahl von Mädchenbands und Mädchen in gemischten Bands daran liegen könnte, dass es einfach nicht im Interesse der Mädchen liegt, kann keiner der anwesenden Fachleute bestätigen. Alle Erfahrungen verweisen auf das Gegenteil, die Mädchen wollen, wissen nur nicht, wie es gemacht wird oder trauen sich nicht. Die aktuellen Genderrollen und Frauenbilder in der Popmusik stellen keine geeigneten Vorbilder dar. Den Mädchen und jungen Frauen muss vermittelt werden, dass sie es auch auf ihre Art machen können. Darum müssen Räume geschaffen werden, in denen sie sich kreativ entwickeln können. Mädchenprojekte müssen durch Künstlerinnen begleitet werden. Dazu muss die Landes- und die Kommunalpolitik stärker in den gesamten Prozess „Gender in der Popmusik!“ mit einbezogen werden.
Zusammenfassend sehen die TeilnehmerInnen vor allem Handlungsbedarf in den strukturellen Rahmenbedingungen sowie der individuellen Förderung der Mädchen. Ein Diskussionsprozess von „Gender in der Popmusik,“ in dem es um die veränderten Rollne von Jungen und Männern geht, muss angestoßen werden. Den Mädchen fehlt es an alternativen Rollenbildern, diese müssen geschaffen und ihnen aufgezeigt werden. Gleichzeitig müssen geschützte Räume geschaffen werden, damit die Mädchen sich trauen, ihre Kreativität frei zu entfalten und neue Ideen zu entwickeln. Nur so kann ein Nährboden zur freien Entwicklung der Mädchen entstehen und nachhaltig wirken. Dem Phänomen der „Schwarzen Löcher“, in die ambitionierte Mädchen, aber auch talentierte Musikerinnen nach dem Studium verschwinden, sollte entgegengewirkt werden. Neben einer Stärkung des Selbstbewusstseins durch individuelle Unterstützung wäre hier sicherlich ein fachlicher Input zum Thema Management und Selbstständigkeit sinnvoll, um die Mädchen auf den Berufsalltag als Musikerin besser vorbereiten. Ebenso hilfreich ist eine Vertiefung der Themen Musik– und Aufnahmetechnik und Produktion. Diese Bereiche interessieren auch Mädchen, obwohl ihnen das kaum zugetraut wird. Wenn den Mädchen erst einmal auch dieser Bereich zugestanden und zugetraut wird, ist es für sie nur noch ein kleiner Schritt, die eigene Musik auch zu Hause zu produzieren. Der Fachtag als erster Einstieg in die Problematik zeigt, die Bedarfe sind sehr vielschichtig. Daher sind eine weitere dynamische Diskussion und insbesondere die Vernetzung, auch bundesweit, sehr wichtig.